Das
Guillain-Barré-Syndrom [ GBS ] ist eine Nervenerkrankung, bei der
die isolierende Myelinschicht des peripheren Nervensystems durch
eine Autoimmunreaktion von körpereigenen Abwehrzellen zerstört
wird. Im Jahre 1995 wurde ich selbst, damals 42 Jahre von dieser
tückischen Erkrankung betroffen. Es begann Anfang März 1995 mit
Kribbelparästhesien in den Händen und Füßen und verteilte sich
strumpfförmig weiter. In den Händen hatte ich das Gefühl einer
unheimlichen Wärme, als wenn diese innen irgendwie entzündet wären.
Nach ca. einer Woche der Beschwerden kam mein schlimmstes Erlebnis.
Ich trug das 12 Zoll Fahrrad meiner damals 8. jährigen Tochter in
den Keller, [ welches nun eigentlich wirklich nicht schwer zutragen
war ]. Auf der Treppe brach ich mit dem Fahrrad über mir zusammen
und war nicht mehr in der Lage aufzustehen. In den vergangenen Tagen
war mir schon aufgefallen das meine Beine irgendwie immer schwerer
wurden, auch hatte ich starke Rückenschmerzen. Beim Treppensteigen
versuchte ich schon ständig mit den Händen am Geländer nach zu
helfen um besser die Treppen hinaufzusteigen. Erst konnte ich mich
nicht damit abfinden krank zu sein. Doch ich merkte irgendwie, hier
ist etwas anders, es muss eine ernste Erkrankung vorliegen. Am
folgenden Tag stellte ich mich bei einem Neurologen vor, bei den
Untersuchungen wurden keine Muskelreflexe mehr an Händen und Füßen
festgestellt. Aufgrund der Untersuchungen erkannte der Neurologe das
Krankheitsbild des Guillain-Barré-Syndroms und überwies mich sofort
in das Klinikum Kassel [ Neurologische Abteilung ]. Nach der
Aufnahme und den Untersuchungen am 27.03.1995 im Krankenhaus
musste aufgrund des Verlaufes und des neurologischen Befundes ein
Guillain-Barré-Syndrom angenommen werden. Die klinische Diagnose
wurde durch den Liquorbefund mit einem hohen Gesamteiweiß bei
normaler Zellzahl sowie entsprechenden elektrophysiologischen
Befunden untermauert. Schlimm war es, Kräfte mäßig nicht in der Lage
zu sein sich einen Strumpf anzuziehen oder mit der Schere sich die
Fußnägel zu schneiden. Selbst ein Duschbad war eine riesen
Anstrengung. Ich hätte es niemals für möglich gehalten das innerhalb
so kurzer Zeit mir die Kraft fehlt um ganz normale Tätigkeiten zu
verrichten. Da die Erkrankung sich auf die Atmung ausweitete und die
Lungenfunktion sich zunehmend verschlechterte, wurde als Behandlung
Infusionen mit Immunglobulinen über 5 Tage alle 4 Stunden
vorgenommen. Dies führte zu einer schnellen Besserung. Nach dem
Krankenhausaufenthalt wurde ich am 19.04.1995 zur
Anschlussheilbehandlung in die Neurologische Klinik Westend in Bad
Wildungen überwiesen. Dies ist übrigens eine Klinik mit
Intensivstation um einen schnellen Übergang zur Frührehabilitation
beginnen zu können. Bei der Aufnahme meinte der behandelte Arzt, das
die Therapiedauer aufgrund meines Krankheitsbildes ca. 12 Wochen
betragen könnte, dies war ein großer Schock den ich nicht ertragen
wollte, ich konnte mir nicht vorstellen hier 12 Wochen zu
verbringen, nicht weil es mir dort nicht gefallen hätte, sondern
einfach der Gedanke, diese Zeit mit einer Anschlussheilbehandlung zu
verbringen und von meiner Familie getrennt zu sein. In der
Neurologische Klinik Westend erfolgten Krankengymnastik,
Bewegungsübungen im Schwimmbecken, Ergotherapieübungen, Training am
Fahrradtrainer, Massagen gegen die Muskelverspannungen. Jeden Tag
habe ich in dem 8 Etagen großen Haus meine Übungen im Treppenhaus
gemacht, der Anfang begann mit einer halben Treppenetage hoch und
runter. So steigerte ich mich innerhalb der Zeit meiner
Anschlussheilbehandlung, die Etagen des Treppenhauses immer höher zu
steigen. Doch mein größtes Erlebnis war endlich, nach mehreren
Wochen die Kraft zu haben, wirklich die 8. Etage zu erreichen. Aus
der Westend-Klinik wurde ich am 30.05.1995 nach 6 Wochen Aufenthalt
entlassen. Mein Neurologe verordnete mir Krankengymnastik, ich
suchte nach einer Krankengymnastik Praxis in meiner Nähe. Bei meinem
ersten Termin stellte sich heraus, das diese Praxis meinem
ehemaligen Schulkameraden gehörte. Dieser kannte durch seine
Weiterbildung das Krankheitsbild des Guillain-Barré-Syndroms und
konnte mir mit gezielten Übungen sehr erfolgreich weiter helfen. Ab
dem 1.08.1995 begann ich mit der Wiedereingliederung in den
Arbeitsprozess und konnte pro Tag 4 Stunden meinen Beruf ausüben, ab
September arbeitete ich 6 Stunden und ab Oktober 1995 konnte ich
normale 8 Stunden zur Arbeit gehen. Von der Erkrankung sind heute
nur noch das Kribbeln in den Beinen zurück geblieben und das meine
körperliche Muskelkraft nur ca. 95 % der damaligen Leistung
erreicht. Das Kribbeln in den Beinen und Händen empfinde ich heute
auch im Jahr 2006 immer dann besonders intensiv, wenn ich
Stresssituationen in meinem Beruf ausgesetzt bin. Aber mit diesen
Nebenerscheinungen kann ich sehr gut leben.
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